Eine kleine Einführung in die Lawinenverschüttetensuche
Der Winter legt sich selbst bei uns im Norden grade mächtig ins Zeug, da wird es Zeit, die Skitourenausrüstung auf Vordermann zu bringen und neben dem Equipment fürs Vergnügen auch einen Blick auf die Notfallausrüstung zu werfen. Ist das LVS auf neuestem Stand? Die Software aktuell? Wie war das noch gleich mit der Bedienung?
Nachfolgend eine kleine Einführung in die Lawinenverschüttetensuche, die Bilder entstanden während einer Schulung der Firma Pieps auf der Dresdner Hütte am Stubaier Gletscher.
Die Lawinenverschüttung selbst ist natürlich unter allen Umständen zu vermeiden, hier sei beispielsweise die DAV Snowcard oder auf die Reduktionsmethode nach Munter verwiesen, die unter Berücksichtigung der aktuellen Lawinenlage schon bei der Tourenplanung Unfälle vermeiden helfen.
Ausrüstung
Zur notwendigen Lawinenausrüstung für Touren abseits der gesicherten Pisten gehören: LVS-Gerät, Sonde, Schaufel, Erste-Hilfe-Set incl. Rettungsdecke oder Biwacksack.
Im Ernstfall
Den Lawinenkegel unter Beachtung der eigenen Sicherheit in Augenschein nehmen, bei mehreren Rettern Aufgaben verteilen und Suchbereiche festlegen (Leitung durch den Erfahrensten). Die Oberfläche der Lawine nach sicht- oder hörbaren Hinweisen auf Verschüttete absuchen. Wenn möglich Notruf absetzen (A 114, Bayern 19222, CH 1414, EU 112, I 118).
LVS-Gerät auf Empfang stellen („Search“). Bei nur einem Verschütteten und bekanntem Verschwindepunkt kann auch am Verschwindepunkt mit der Grobsuche angefangen werden.
Grobsuche
Unter Grobsuche versteht man den Teil der Lawinenverschüttensuche, bei dem man kein Signal des Verschütteten mit seinem LVS-Gerät empfängt. Wichtig ist, daß an der Suche unbeteiligte oder sonstige im Suchbereich befindliche Personen ihre LVS-Geräte (so vorhanden) ebenfalls auf „suchen“ oder „aus“ stehen haben, um die Suche nach Empfang nicht zu beeinträchtigen.
In der Grobsuche schreitet man den Lawinenkegel in einem Suchmuster ab und sucht dabei mit Auge und Ohr nach eventuellen Anzeichen des Verschütteten (z.B.: ein aus der Lawine ragender Ski). LVS-Gerät langsam dreidimensional in alle Richtungen drehen, um Empfang in verschiedenen Koppellagen zu unterstützen. Sobald man ein erstes verwertbares Signal mit seinem LVS-Gerät erhält („Erstempfang“), endet die Grobsuche und die Feinsuche beginnt.
Der Punkt, an dem die Grobsuche beendet wird, wird markiert (z.B.: mit einem Ski oder Skistock), um später wieder in das Suchmuster zurückkehren zu können.
Suchmuster bei einem Sucher
Ein einzelner Sucher geht bei der Suche so über das Lawinenfeld, dass der Abstand des Suchstreifen zum Rand des Felds 10 Meter und der Abstand zwischen den Suchstreifen 20 Meter beträgt (empfohlene Suchstreifenbreite der Gerätehersteller beachten, bei modernen Geräten sind durchaus breitere Streifen möglich, z.B. 60 Meter beim Pieps DSP (nach DAV-Empfehlung von 02/2007)).
Wichtig ist, dass das gesamte Lawinenfeld abgeschritten wird und keine Bereiche ausgelassen werden.
Suchmuster bei mehreren Suchern
Bei mehreren Suchern schreiten die Sucher im Abstand von 20 Metern zueinander und 10 Meter Abstand zum Rand in einer geraden Linie das Lawinenfeld ab (Suchstreifenbreite s.o.).
Ist das Lawinenfeld zu groß für diese Methode (breiter als Anzahl Sucher x 20 Meter), so wird das Lawinenfeld in gleich große Bereiche (je nach Anzahl der Sucher)aufgeteilt und in jedem Bereich wird wie bei der Suche mit nur einem Sucher vorgegangen.
Feinsuche
Die Feinsuche ist der Suchabschnitt nach der Grobsuche, sobald der Sucher ein verwertbares Signal mit seinem LVS-Gerät empfangen hat. Der Erstempfang wird markiert und der Sucher verlässt seinen Suchstreifen. Bei der Feinsuche folgt der Sucher der Feldlinie, die vom LVS-Gerät des Verschütteten ausgesendet wird, bis er in den Nahbereich (2-4 Meter) kommt. Im Nahbereich wird zur Punktortung übergegangen.
Prinzip der Feinsuche
LVS Geräte senden auf einer Normfrequenz von 457 kHz. Die elektromagnetischen Feldlinien können von einem Empfänger empfangen werden. Nähert sich der Empfänger dem Sender entlang einer Feldlinie, wird die Intensität des Signals stärker. Bei der Suche bewegt sich der Sucher also nicht direkt auf den Verschütteten zu, sondern, da er der Feldlinie folgt, in einer etwa kreisförmigen Bewegung.
Analoge Empfänger geben ein akustisches Signal wieder, dessen Stärke – und damit die Entfernung zum Sender – in der Variation der Lautstärke erkennbar ist. Bei Annähreung an den Sender wird das Signal lauter, die Empfindlichkeit des Empfangsgerätes wird dann heruntergeregelt, um weiterhin Empfangsdifferenzen hören zu können. Das System hat bei starkem Wind (Windgeräusche) und im Nahbereich Schwächen, da Probleme bei der Unterscheidung oder Wahrnehmung der akustischen Signale auftreten können.
Digitale Empfänger wandeln das empfangene Signal digital in eine optische Anzeige um, allerdings etwas zu Lasten der maximalen Reichweite.
Abhängig von der Anzahl der Empfangsantennen des Gerätes (alle Geräte senden nur mit einer Antenne) kann ein LVS-Gerät mit mehreren Antennen auch die Lage von Sender und Empfänger zueinander bestimmen und eine Suchrichtung anzeigen. Technischer Stand sind bei LVS-Geräten für Skitouren und Kameradenrettung digitale Dreiantennengeräte. Analoge LVS-Geräte entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik und können bei der Suche nach Verschütteten wertvolle Zeit kosten. Eine realistische Überlebenschance bei Verschüttung besteht nur für circa 15 Minuten, daher sind digitale Mehrantennengeräte den alten analogen Geräten unbedingt vorzuziehen.
Feinsuche mit digitalen Geräten
Bei Digitalengeräten folgt der Sucher den Richtungsanzeigen des LVS-Geräts. Während der Feinsuche bewegt sich der Suchende schnell, wird aber mit kleiner werdender Entfernung zum Verschütteten langsamer.
Wird die Entfernungsanzeige beim Folgen der Richtungsanzeige größer, folgt man der Feldlinie in die falsche Richtung und muss sich einmal um 180° drehen, um wieder richtig zu sein.
Punktortung
Die Punktortung ist der Teil der Lawinenverschüttetensuche, der am meisten Zeit benötigt und die höchste Fehleranfälligkeit hat. Deshalb ist es gerade hier wichtig, genau und nicht zu hektisch vorzugehen.
Sobald man mit seinem LVS-Gerät in den Nahbereich des Verschütteten gelangt (digitale LVS-Geräte: ab ca. 4 Meter Entfernngsanzeige, analoge LVS-Geräte: kleinste bzw. zweitkleinste Stufe), geht man mit seinen LVS Gerät direkt über die Schneeoberfläche wie ein Flugzeug beim Landen („Airport Approach“). Das LVS Gerät wird ab jetzt nicht mehr geschwenkt, Pfeilanzeigen werden ignoriert.
Der Übergang von der Feinsuche zur Punktortung kann mit dem Landeanflug eines Flugzeuges verglichen werden („Airport Approach“). Während bei der Feinsuche die Suchgeschwindigkeit einem normalen bis flotten Gehtempo entspricht und das VS-Gerät auf Hüfthöhe gehalten wird, gilt für die Punktortung:
- Runter mit dem Tempo, normgerechte Geräte senden ein Signal/sec
- Runter zur Schneeoberfläche („Landung“)!
- VS-Gerät geradlinig über die Schneeoberfläche führen
- VS-Gerät dabei nicht verdrehen
Maximummethode/Einkreuzverfahren
Bei der Maximummethode geht der Sucher nach dem Airport Approach gerade weiter, so wie er gekommen ist. Wichtig ist, daß das Gerät nahe an der Schneeoberfläche gehalten wird, nicht mehr geschwenkt wird und dass die Punktortung langsam gemacht wird. (ca. 1 Meter in 4 Sekunden). Eine Effektive Methode, um seine Geschwindigkeit zu kontrollieren, ist darauf zu achten, dass bei der Entfernungsanzeige des LVS Gerät keine großen Sprünge auftreten (z.B.: 1,9 – 1,8 – 1,6 – 1,5 – 1,4 – 1,3, – 1,4 – 1,6 – 1,7 – 1,8). Springt die Entfernungsanzeige deutlich (z.B.: 2,3 – 1,9 – 1,5 – 1,6 – 2,1), war man zu schnell und trifft möglicherweise den falschen Punkt.
Der Punkt mit dem stärksten Signal (geringste Entfernungsanzeige) wird mit einem Skistock oder Handschuh markiert und dann wird deutlich (2-3 Meter) in die gleiche Richtung über das Signal weitergegangen um auszuschließen, daß ein weiteres Signalmaximum kommt (Mehrfachmaxima treten in der Regel nur bei Ein- oder Zweiantennengeräten auf).
Dann wird orthogonal zu der Achse der „Landebahn“ das gleiche nocheinmal gemacht. Wieder ist darauf zu achten, daß das Gerät nahe am Boden bleibt und nicht geschwenkt wird und daß man langsam vorgeht. Das Signalmaximum (geringste Entfernungsanzeige) auf dieser Achse wird wieder markiert und wieder wird nochmal deutlich weitergegangen um auszuschließen, daß ein weiteres Signalmaximum kommt. Liegen die Markierungen nicht unmittelbar nebeneinander, so ist das so gefundene Maximum größer (also die Entfernungsanzeige geringer) als beim zuerst markierten Maximum. Es muß erneut orthogonal dazu geortet werden, bis der Punkt mit der geringsten Entfernung (Signalmaximum) gefunden ist. Dort wird mit dem Sondieren angefangen.
Fehlerquellen
Um Eventuelle Fehler bei der Punktortung zu minimieren, sind folgende Punkte unbedingt zu beachten:
- nach dem „Airport Approach“ (mit dem Gerät zur Schneeoberfläche gehen) wird das Gerät nicht mehr geschwenkt!
bei der Punktortung bleibt man mit dem Gerät direkt über der Schneeoberfläche! - es wird deutlich (2-3 Meter) über das Signalmaximum weitergegangen! (bzw. bei der Minimummethode über den Punkt an dem das Signal verschwindet)
- die Punktortung wird langsam gemacht!
Sondieren
Sondieren ist wichtiger Bestandteil der Lawinenverschüttetensuche. Durch das Sondieren wird die Bergungszeit erheblich verkürzt, weil die Position des Verschütteten eindeutig und sicher bestimmt wird. Wer nach der Punktortung sofort losgräbt, verschenkt wertvolle Minuten, wenn er am Verschütteten vorbeigräbt oder im harten festgepressten Lawinenschnee ein riesiges Loch graben muss. Die Sonde gehört unbedingt ins Gepäck.
Beim Sondieren wird die Sonde beidhändig und senkrecht zur Schneeoberfläche in den Schnee gestochen. Wichtig beim Sondieren ist, daß mit System sondiert wird, damit schnell, effizient und vor allem lückenlos sondiert wird.
Der erste Einstichpunkt ist in der Mitte des bei der Punktortung ausgelegten Markierung. Danach wird reihum in einem spiralförmigem Raster im Abstand von 20cm eingestochen.
Graben
Fast am Ziel – das Schaufeln im Lawinenschnee ist eine schwere und nicht zu unterschätzende Aufgabe. In der Regel nimmt das Ausgraben auch die meiste Zeit bei der Bergung ein. Es ist demnach wichtig auch hier systematisch vorzugehen. Es wird daher immer von unterhalb seitlich zum Verschütteten hingegraben. Dabei wird ca. 1-2 mal die Verschüttetentiefe hangabwärts vom verschütteten mit dem Graben angefangen. Außerdem wird in ein breiter Stollen zum Verschütteten vorgestoßen weil so der Verschüttete am schnellsten vollständig freigelegt und geborgen werden kann.
Beim Graben auf eine eventuelle Atemhöhle des Verschütteten achten und zuerst Gesicht und Atemwege freilegen. Kälteschutz für den Geborgenen mit der Rettungsdecke, dem Biwaksack oder warmer Kleidung.
Mehrfachverschüttungen
Moderne digitale VS-Geräte bieten auch Lösungen für Situationen mit mehreren Verschütteten (“Markieren/Ausblenden”), setzen aber große Sicherheit im Umgang mit dem Gerät und mehrere Helfer mit entsprechender Ausrüstung (Schaufeln und Sonden) voraus, um mehrere Verschüttete nicht nur oberflächlich zu markieren, sondern auch zu bergen


Hallo Birgit,
ich bin heute auf obige Webseite ( Jens, 10.12.2010) gestoßen.
Die Namen der Suchschritte solltet Ihr richtig stellen! Der DAV verwendet seit 2010 die internationalen Begriffe: Signalsuche / Grobsuche / Feinsuche / Punktortung.
Ansonsten ist die Kurzfassung Eurer Seite ok.
Empfehlenswert ist ein Hinweis auf eine eine der aktuellen LVS-Lehrbücher.
Grüße, Fred